Stimmtraining

Wie die Stimme Karrieren von Anwältinnen beeinflusst

Frauen im Anwaltsberuf sind heute glücklicherweise keine Seltenheit mehr. Dennoch hat man als Anwältin häufig mit Vorurteilen zu kämpfen. Denn abgesehen von der Gender-Pay-Gap gibt es Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen im Berufsleben. Eine davon betrifft die Stimme – und die kann entscheidend für die Karriere sein. Wie man mit Stimmtraining als Frau Einfluss auf seine Stimmlage nehmen kann, erfährt frau in diesem Beitrag.

Studie zur Stimme & Stimmfaktor Rollenbild

Eine Studie der Uniklinik Leipzig hat 2017 folgendes Phänomen zutage gebracht: Die Stimmen von Frauen sind in den letzten 20 Jahren im Durchschnitt tiefer geworden. Vor der Jahrtausendwende lag die durchschnittliche Frequenz von Frauenstimmen bei ca. 220 Hertz. Dieser Wert ist nun auf 168 Hertz gesunken. Zum Vergleich: Männer sprechen bei durchschnittlich 110 Hertz. Die Frauen sind also näher an die Männer herangerückt. Biologische Faktoren scheiden als Begründung dafür aus – die Männer sind nämlich im Vergleichszeitraum bei ihrer Tonlage geblieben.

Der Grund für die stimmliche Anpassung der Frauen an die Männer liegt im Rollenbild begründet. In den 50er Jahren galten hohe, fast schon piepsige Stimmen als eine Art Ideal – in Teilen Asiens ist das heute noch so. Dieses Ideal hängt mit dem klassischen Rollenbild der damaligen Zeit zusammen: die perfekte Hausfrau, die von ihrem Mann beschützt werden will und sich um häusliche Belange kümmert. Die Tonlage fördert also das Mäuschen-Image der Frau. Piep, piep! Als Ideal gehört dieses Bild in unserer westlichen Welt allerdings der Vergangenheit an. Dementsprechend wollen und sollen Frauenstimmen heute nicht mehr einfach nur mütterlich oder irgendwie entzückend sein.

Trotz dieses allgemeinen Trends haben dennoch viele Frauen stimmliche Probleme. Gewohnheit, Erziehung, falsche Vorbilder lassen Frauen trotz der beschriebenen Entwicklungen zu hoch, zu schwach und zu leise sprechen.

Besonders Juristinnen müssen sich in einer noch immer männlich dominierten Welt durchsetzen. Und das funktioniert eben auch über den Klang der Stimme. Wer hier spricht wie das Ideal aus den 50er Jahren, der wird nur schwerlich ernst genommen werden.

Anwältinnen im Nachteil

Die Stimme kann im Umkehrschluss besonders für Rechtsanwältinnen zum Problem werden. Eine hohe Stimme wirkt eben (oft allzu) niedlich. Sie vermittelt Schutzbedürftigkeit, oft sogar Unsicherheit. Gift auf dem Weg zur Partnerin in einer Kanzlei. Eine tiefe Stimme hingegen wirkt vertrauenerweckend, kompetent und glaubwürdig. Unterm Strich bedeutet das: Im Kanzleialltag und im anwaltlichen Wettbewerb sind Männer schon allein aufgrund ihrer von Natur aus tieferen Stimme im Vorteil.

Corona macht die Stimme noch wichtiger

Seit 2020 haben die Stimme und ihr Klang sogar noch an Bedeutung gewonnen: Homeoffice, Zoom-Konferenzen und Telefongespräche heben sie auf ein ganz neues Level. Während Anwältinnen im analogen Zusammentreffen das Problem Stimme durch andere Stärken ausgleichen können, fallen diese anderen Faktoren nun weg. Im Telefonat oder online bleibt viel Menschliches außen vor. Die Stimme hingegen wird zum Dreh- und Angelpunkt von Gesprächen. Umso wichtiger, dass frau sich bewusst ist, wie sie sie einsetzen muss.

Besonders hinterhältig ist: All diese Prozesse laufen unbewusst ab. Kein entwischter Mandant begründet seine Absage damit, dass die Stimme der Rechtsanwältin nicht vertrauenerweckend genug gewesen wäre. Denn er ist sich der Problematik nicht bewusst. Seine Entscheidung beruht auf einem Gefühl. Daher kommen stimmliche Probleme häufig nicht ans Licht, sondern sabotieren weiter auf einem unbewussten Level die eigene Karriere. Also muss frau sich das Problem vor Augen führen und daran arbeiten.

Stimmtraining für den guten Ton

Natürlich bringt es auch nichts, nun mit Druck einfach die eigene Stimme tiefer klingen zu lassen. Nur mit dem richtigen Stimmtraining wird man zu einer guten Lösung für dieses Problem kommen.

Bei einem zielgerichteten Stimmtraining geht es darum, die eigene Stimme in der Indifferenzlage zu trainieren – also in der Lage, die am natürlichsten und bequemsten ist. Nutzt man diese richtig, klingt man am Ende ausdrucksstark, volltönend und das Sprechen ermüdet nicht.

Dazu gibt es beim Stimmtraining Übungen, die Frauen wie Männern helfen, ihre Stimme besser kennenzulernen und herauszufinden, welche Tonlage das für sie ist. Mit einem geeigneten Coach kann man darüber hinaus die individuellen Stärken der Stimme hervorheben, Probleme und Schwächen beseitigen oder zumindest handelbar machen.

Tipp! High Heels befördern einen hohen Stimmklang. Durch sie gerät der ganze Körper in Spannung – das wirkt sich auch auf die Stimmbänder aus. Ein flacher Absatz kann manchmal schon wahre Wunder bewirken.

Wie kommt man aber nun mithilfe von Stimmtraining zu einer guten Stimmlage?

Tipp 1: Atemübung

Atmen Sie so lange wie möglich ihre gesamte Luft aus, dabei zieht sich der Bauch nach innen. Danach atmen Sie durch die Nase ein, der Bauch wölbt sich dabei und die Flanken dehnen sich aus. Diese Übung dient einer bewussten Atmung. Durch die Konzentration auf den Bauch geht die Atmung tiefer. So richtet sich der Körper auf und die Stimme kann freier und natürlicher schwingen.

Tipp 2: Gähnen für den guten Ton

Völlig unverstellt atmen wir, wenn wir gähnen. Unser gesamter Stimmapparat liegt bei diesem reflexartigen Vorgang in seiner natürlichsten Stellung. Wenn Sie gähnen, nehmen Sie bewusst wahr: Der Kiefer ist geöffnet, die Zunge liegt tief im Mundraum, der Gaumen ist aufgerichtet, sodass in Mundhöhle und Rachenraum viel Platz entsteht. Geben Sie beim bewussten Gähnen gern auch ein paar Töne von sich – und genießen Sie, wie voll diese klingen.

Tipp 3: Summe für die Indifferenzlage

Summen Sie in einer für Sie bequemen Tonlage ein paar Minuten vor sich hin. Sorgen Sie dafür, dass sich ein angenehmes Gefühl für Sie einstellt, indem Sie Töne summen, die sich gut für Sie anfühlen. Herzlichen Glückwunsch, wenn Sie das erreicht haben. Sie haben Ihre Indifferenzlage gefunden, also die Tonlage, in der Sie am bequemsten sprechen. Machen Sie sich das zunutze.

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