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Unterhaltung, Legal Tech

Legal Tech und die Demokratisierung des Rechts

von Stefan Morschheuser

In vielen Branchen sind wir es gewohnt, Produkte und Dienstleistungen im Internet zu selektieren, Qualität und Preise zu vergleichen, Bewertungen einzusehen und schließlich zu bestellen: Hotelbuchungen, Elektronikartikel, Bücher, Tickets, Schuhe, Lebensmittel – die Liste ist fast beliebig erweiterbar. Überall schafft das Internet Transparenz und Vergleichbarkeit. Wirklich überall? Nein.

Eine sehr große Branche – wir sprechen von mehr als 22 Milliarden Euro Umsatz jährlich in Deutschland – hat noch erheblichen Nachholbedarf, ist aber nun „fällig“: die Rechtsberatung!

Legal Tech als Umbruch begreifen

Für diesen Umbruch in der Branche steht das Schlagwort Legal Tech, das analog zu Fin Tech oder Insur Tech für produktive Unruhe sorgt.

Natürlich ist der Einsatz von IT und Internet in der Rechtsberatung an sich nichts Neues. Im Fokus stand jedoch bisher die Unterstützung von Kanzleiprozessen, etwa durch klassische Kanzleisoftware oder auch juristische Online-Datenbanken.

Einige der neuen, spannenden Entwicklungen von Legal Tech beziehen sich ebenfalls auf die anwaltliche Arbeit bzw. die „juristische Produktion“. So steht im Zentrum einiger Legal-Tech-Start-Ups die automatisierte Analyse von rechtlichen Dokumenten (Verträge, Patente, Urteile) mit Systemen der künstlichen Intelligenz bzw. Text- und Datenanalyse. Beispielhaft stehen hierfür die Unternehmen leverton.com, kirasystems.com oder octimine.com.

Legal Tech stellt den Verbraucher in den Mittelpunkt

Der eigentliche Umbruch in der Branche findet jedoch statt, indem Legal Tech die Perspektive nun umdreht und den Verbraucher in den Mittelpunkt stellt: Wie kann der Zugang zur Rechtsberatung mithilfe von Internet & IT einfacher, transparenter und besser gestaltet werden? Es geht im Kern um eine Demokratisierung des Rechts.

Das ist keine triviale Aufgabe, haben wir es doch mit einem sehr fragmentierten und im Wesen intransparenten Markt zu tun. Mehr als 54.000 Kanzleien, davon über 44.000 Einzelkanzleien, buhlen in Deutschland um die Gunst der Rechtsratsuchenden. Einen fortschrittlichen Online-Marketing-Mix zur Neukundengewinnung zu etablieren, ist den meisten Kanzleien zu komplex, zu teuer und zu aufwendig. Sie finden keinen geeigneten Einstieg in das onlinebasierte Marketing und leiden unter mangelnder Neukundengewinnung.

Ratsuchende wiederum sind mit der Vielfalt des Angebots oftmals überfordert, wissen sie doch nicht, welche Anwaltskanzlei welche konkreten Dienstleistungen zu welchem Preis und zu welcher Qualität anbietet.

Sie meiden aufgrund des fragmentierten und schwer zugänglichen Marktes oftmals notwendige, insbesondere präventive Rechtsberatung – mit erheblichen negativen Folgen.

Legal Marketplaces schaffen Transparenz

Welche Fortschritte hat Legal Tech nun bereits gebracht und wohin wird die Reise gehen? Es zeichnet sich ab, dass analog zu anderen hochfragmentierten Bereichen der Plattformgedanke eine immer größere Rolle spielen wird. Plattformen wie z. B. anwalt.de und zahlreiche andere werden einen erheblichen Teil der Nachfrage bündeln und die Akteure bzw. deren Dienstleistungen möglichst transparent und effizient zugänglich machen. Die Rede ist von sogenannten „Legal Marketplaces“.

In den USA ist der Markt an diesem Punkt bereits weiter fortgeschritten, insbesondere im Hinblick auf den Plattformgedanken und die Standardisierung von Rechtsdienstleistungen. US-amerikanische Vorreiter sind hier beispielsweise avvo.com, legalzoom.com und rocketlawyer.com.

Das wird an einer beeindruckenden Statistik deutlich: In Kalifornien werden beispielsweise bereits über 25 Prozent der Firmengründungen über die Plattform legalzoom.com und die dort teilnehmenden Kanzleien abgewickelt.

Rechtsrat buchen wie ein Hotel?

Werden wir also Rechtsberatung bald so einfach buchen können wie ein Hotel?

Das wird der Fall sein für zahlreiche eher einfache und standardisierbare Rechtsdienstleistungen. Etwa die Überprüfung eines Mietvertrages oder die Einschätzung der Erfolgsaussichten einer Kündigungsschutzklage werden detailliert beschrieben und zu einem Festpreis von teilnehmenden Rechtsanwälten angeboten.

Für ausgewählte Problemstellungen, insbesondere im Verbraucherrecht, haben sich bereits spezialisierte Plattformen etabliert, die mit benutzerfreundlichen Frontends (Eingabemasken im Internet) und effizienten Abwicklungsprozessen punkten: Prominente Beispiele sind die Legal-Tech-Start-Ups flightright.com für Flugreise-Entschädigungen sowie geblitzt.de zur Prüfung von Bußgeldbescheiden.

In den meisten Fällen handelt es sich bei juristischen Problemen jedoch um sehr individuelle Fragestellungen, bei denen die persönliche Beratungsqualität des Rechtsanwalts entscheidend ist. Legal Tech hat hier künftig die wichtige Funktion, Anwälten die Möglichkeit zu geben, ihre Beraterpersönlichkeit mit modernen Medien effizient im Internet zu kommunizieren sowie ihr Beratungsangebot transparent zu präsentieren und dem Ratsuchenden damit das Finden des passenden Beraters in den Weiten des Internet zu erleichtern. Eben damit bewirkt Legal Tech eine echte Demokratisierung des Rechts.

Foto: Forloia/goodluz

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